28. August 2020 | | 0 Kommentare

Die Wegbereiter stellen sich vor: Johanna Ihr vertraut uns Eure Probleme an, Eure Ängste und Sorgen. Ihr fragt uns die großen Fragen und lasst uns eine Zeit lang an Eurem Weg teilhaben. Aber wer sind wir eigentlich? Wir nutzen die Hochschul-Sommerpause, um Euch von unseren eigenen Wegen zu erzählen.

So viele Menschen im privaten Umfeld oder in Beratungen, die alle besser wissen, was gut für einen ist:
„Studier‘ etwas, das Dich breit aufstellt. Archäologie ist brotlose Kunst, für die keiner Geld gibt.“
„Journalismus oder Publizistik braucht man nicht zu studieren: Die brauchen Leute, die nicht nur wissen, wie man schreibt, sondern solche, die über etwas schreiben können.“
„Das mit der Promotion lassen Sie mal, da stehen Sie in drei Jahren genau dort, wo Sie heute stehen, sind aber drei Jahre älter ohne relevante Berufserfahrung.“

Das sind nur einige der vielen Stimmen aus meiner Vergangenheit, welche meine Studienwahl und Entscheidungen im Berufsfindungsprozess beeinflusst haben.
Ich bin Berlinerin von Geburt und bei mir zuhause gab es viele Bücher, von denen ich auch viele gelesen habe. Es war immer klar, dass ich studieren würde, auch weil ich immer gute Noten und vor allem Spaß an der Schule hatte. Nach der Schule war da trotzdem die große Leere: Mir stand alles offen, die ganze Welt sozusagen. Aber ich war überfordert von den Möglichkeiten, die ich hatte. In Gymnasien gab es damals keine Berufsorientierung. Man ging davon aus, dass wir klug genug waren, das auch so hinzubekommen. Ich wollte Journalistin werden, weil ich immer gut schreiben konnte und dabei das empfand, was man als „flow“ bezeichnet. Und natürlich typisch für das Mindset der geisteswissenschaftlich begabten: Bloß nichts mit Mathe! Als könnte man sich verbrennen. Schließlich studierte ich Soziologie und Anglistik/Amerikanistik als gleichwertige Hauptfächer im letzten Magisterjahrgang der Universität Potsdam (und bin mit Soziologie doch nicht ganz an der Mathematik vorbeigekommen). Die Studienfächer stellten sich als passend heraus, ich hatte Spaß und war mit Leidenschaft dabei. Zudem entdeckte ich die Welt aus einer neuen Perspektive, die Du, wenn Du sie einmal eingenommen hast, nicht wieder abstreifen kannst: die Perspektive der Geschlechterwissenschaften. In der Soziologie lernst Du schnell, dass alles, was Du für selbstverständlich hältst, es in Wahrheit nicht ist: Es ist ein gesellschaftliches Übereinkommen. In jedem Fall hat das Studium also allein schon deshalb mein Leben verändert.

Aber natürlich hatte nach dem Studium niemand auf mich gewartet, trotz meiner Praktika, der hervorragenden Sprachkenntnisse und meines guten Studienabschlusses. Das Gefühl, damit nichts Besonderes zu sein und vor allem eigentlich aus Arbeitsmarkt-Sicht nichts geleistet zu haben, welches man in Bewerbungsprozessen häufig vermittelt bekommt, ist mitunter ein schwerer Schock, wenn man aus dem geschützten Raum der Hochschule kommt, in dem alle spannend finden, was Du erzählst, und wo Kontakte knüpfen erstmal leicht ist. Ich hatte eine wichtige Lektion zu spät gelernt, weil ich Beratung beim Career Service meiner Hochschule zu spät wahrgenommen habe: Sein Netzwerk aufzubauen beginnt man am Besten schon im Studium. Und eine klare Vision entwickeln von dem Berufsziel, das man anstrebt, auch. Ich wusste durch meine Praktika erstmal nur, was ich nicht wollte – und hatte vieles, das mich interessierte.

Diesen Interessen folgte ich: Arbeitete zunächst an der Publikation und Redaktion von politisch-wissenschaftlichen Texten mit und ging dann tatsächlich weg aus Berlin nach Bonn, wo ich das erste Mal beratend und betreuend tätig wurde und Familien auf dem Weg des Kulturaustauschs begleitet habe. Die Arbeit machte mir Spaß, ging mir aber auch nah und beanspruchte mich manchmal sehr. Aufgrund privater Umstände bin ich schließlich vor 5 Jahren nach Braunschweig gekommen und seitdem auch an der TU Braunschweig beschäftigt. Mit Menschen arbeiten wollte und durfte ich weiterhin – als Koordinatorin des Mentoring-Programms „PerspektivWechsel“, das mich zum ersten Mal mit der Gruppe der Studienzweifelnden in Berührung brachte, welche durch das Mentoring wieder eine stärkere Studienmotivation entwickeln sollten. 2016 bin ich dann zum neu gestarteten Projekt „Wegbereiter“ gegangen, wo wir als Team aus 3 Personen nun eine eigene Beratung für Studienzweifelnde und -abbrechende in der Region Südostniedersachsen aufbauen durften. Von Anfang an war die TU Braunschweig als Antragsteller und Ort, an dem die Beratung angesiedelt war, eine treibende Kraft hinter dem Anliegen, endlich eine orientierende Beratung für die Zielgruppe der Studierenden mit Schwierigkeiten im Studium anzubieten. Dies zeigte sich erneut bei Projektende, als die TU BS als einzige der beteiligten Hochschulen sich entschloss, der Beratung auch weiterhin unter dem Namen „Wegbereiter“ einen Platz innerhalb der Zentralen Studienberatung zu geben. Und so bin ich  – mit Unterbrechung während meiner Elternzeit – seit nunmehr fast 4 Jahren Beraterin für Euch.

Bildnachweis: Martin Pietrek

Aber eigentlich habe ich heute mehrere Rollen inne: Als Beraterin bespreche ich mit Euch Eure Herausforderungen und Ängste. Als Netzwerkerin bringe ich Euch mit anderen in Kontakt. Als coachende Wegbereiterin begleite ich Euch manchmal, bis Ihr Eure Entscheidung für den nächsten Schritt nicht nur getroffen, sondern auch umgesetzt habt. Als Kommunikatorin erzähle ich davon in den Medien, bei öffentlichen Anlässen oder auf diesem Blog. Ich wäre aber gar nicht in der Lage gewesen, mir das so bei Studienende als mögliche Position in 5-10 Jahren vorzustellen – man kann eben nicht alles planen oder vorhersehen.

Und heute erzählt Ihr mir immer neue Versionen der gleichen Geschichte, die ich Euch eben erzählt habe. So viele Stimmen, die Euren Weg prägen, Eure Entscheidungen bis hierher und natürlich Eure Meinung über Euch selbst und andere beeinflusst haben. Das was sie sagen, wird zu Euren Glaubenssätzen und gestaltet den Raum der Möglichkeiten, den Ihr zu haben glaubt. Ihr steht oft vor mir nach einer Reihe der ersten großen Enttäuschungen in Eurem Leben und wollt nun wissen, wie ihr Zukünftige vermeiden könnt. Ich kann Euch aber nur die Möglichkeiten zeigen und zusammen können wir Optionen ausmalen. Entscheiden müsst Ihr.

Ihr müsst Euch selbst fragen – welche Geschichte möchte ich einmal meinen Enkeln erzählen? Wollt Ihr darüber sprechen, dass Ihr immer auf alle Stimmen um Euch herum gehört habt, und doch enttäuscht worden seid? Oder was Ihr noch gern gemacht hättet, wenn nicht…? Wäre es so schlimm, wenn da ein paar Umwege und Neuentscheidungen in Eurer Geschichte wären? Oder macht das vielleicht den Reiz aus? 3 Dinge möchte ich Euch zum Abschluss mit auf den Weg geben, die ich vielleicht selbst gern früher gewusst hätte – und sorry vorweg, wenn ich ein wenig pathetisch werde:

  1. Euch steht nichts zu. Niemand wartet auf Euch. Macht Euch das klar – so schmerzhaft das ist. Bringt Klarheit in Eure Ziele und Wünsche davon, wir Ihr leben und arbeiten wollt. Denn nur dann könnt Ihr danach streben und darauf hinarbeiten. Dabei helfen kann auch Mentoring – an der TU bietet die Stabsstelle für Chancengleichheit z.B. Mentoring-Programme an. Außerhalb der Hochschule ist vor allem die Initiative ArbeiterKind.de eine Möglichkeit, kostenlos an Mentor*innen zu kommen und in einen professionellen Austausch zu gehen.

  2. Was Ihr könnt, ist nicht selbstverständlich. Schaut genau hin. Ihr habt heute mehr denn je die Chance, Euch selbst in Euren beruflichen Weg einzubringen, Eure Besonderheiten hervorzukehren. Was Ihr könnt, können nicht alle. Das Thema Personal Branding wird immer wichtiger und es gibt Euch die Möglichkeit, das was Euch ausmacht, stärker zu thematisieren und als besondere Qualitäten für einen Job oder einen Karriereweg herauszuarbeiten. Ich bin auch nicht nur Sozialwissenschaftlerin und Beraterin. Ich bin auch eine Woman of Color mit Verwandten auf der ganzen Welt, ich bin arbeitende Mutter, Ost-Berlinerin, schreibaffin und leidenschaftliche Buchleserin. Ich bin aber auch sehr sozial und tausche mich gern mit anderen Menschen aus. Wer seid Ihr? Niemand ist, wer Ihr seid.

  3. Viele Stimmen werden Euch sagen, was Ihr alles (noch) nicht könnt. Sie werden Euch raten, zu warten, bis Ihr an der Reihe seid. Auf was? Manchmal gibt es keinen Grund zu warten. Also wartet nicht und hört nicht nur auf andere Stimmen – findet Eure.

von Johanna Kuchling-Pietrek

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