30. November 2020 | | 0 Kommentare

Die Wegbereiter stellen sich vor: André Ihr vertraut uns eure Probleme an, eure Ängste und Sorgen. Ihr fragt uns die großen Fragen und lasst uns eine Zeit lang an eurem Weg teilhaben. Aber wer sind wir eigentlich? Wir erzählen euch von unseren eigenen Wegen.

Moin!

Nun ist es an mir, mich euch vorzustellen. Wie die Begrüßung andeutet, komme ich nicht aus Braunschweig, sondern aus dem Norden (dem richtigen!) – genauer aus der schönen Hansestadt Rostock. Aus dieser Perspektive liegt Braunschweig doch eher Richtung Süden.

Zwar nicht im Norden, aber Oben. Wandern zählt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Bildnachweis: Wegbereiter

Dass ich einmal in einem Projekt für Studierende mit Studienzweifeln oder Abbruchgedanken arbeiten würde, war nicht abzusehen. Man könnte sogar sagen, es entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Warum? Mir ist das Thema Zweifel am eigenen Studium nicht fremd. Bevor ich für mein Studium nach Braunschweig gekommen bin, war ich selbst etwas orientierungslos. Unmittelbar nach dem Abitur wusste ich nicht was ich studieren sollte, entschied mich für eine Verlegenheitslösung, gab diese nach drei Semestern wieder auf und absolvierte lieber eine Ausbildung. Nach etwas Berufstätigkeit beschäftigte mich aber wieder die Idee, doch noch einmal zu studieren. Und so zog ich dann 2010 nach Braunschweig. Ich interessierte mich nach wie vor für abstrakte gesellschaftliche Zusammenhänge, wollte aber gleichzeitig die Praxis nicht (mehr) vernachlässigen, eine technische Universität schien mir beide Welten zusammenzuführen.

Mit meiner Ausbildung im Rücken gehörte ich eher zu den älteren Studierenden, aber ich merkte schnell, dass mir das Mehr an Erfahrung in jeder Hinsicht nutzte, sei es bei der Mitarbeit in Seminaren, bei der Suche nach HiWi-Jobs oder bei ehrenamtlichen Tätigkeiten. Mit Mitte 20 bewertet man Dinge ganz anders als mit 18 und geht ein Studium entsprechend auch anders an, besonders wenn man zuvor einer beruflichen Tätigkeit nachgegangen ist.

Aber einfach nur das Studium durchziehen und schnell fertig werden? Nein, das hat bei mir nicht funktioniert. Für mich bedeutet studieren über den Tellerrand hinausschauen – mal mehr, mal weniger. Ich habe ziemlich viel im und neben dem Studium ausprobiert. Egal, ob zusätzliche Lehrveranstaltungen, hochschulpolitische Engagements, wie bspw. im AStA, oder andere soziale Engagements, meist habe ich mehr als nur einen flüchtigen Blick riskiert. In Summe habe ich diese Ausflüge nie bereut; sie haben mein Uni-Leben wesentlich bereichert, aber natürlich auch nicht unerheblich verlängert.

Es gibt aber auch Gründe, warum sich ein Studium unfreiwillig in die Länge ziehen kann. Zum Beispiel habe ich neben dem Studium sehr viel gearbeitet. Die durch diverse HiWi-Jobs gewonnenen Erfahrungen möchte ich nicht missen, als Sozialwissenschaftler war all das sehr spannend, als Student ergaben sich daraus jedoch auch viele Probleme. Die Regelstudienzeit war alsbald hinfällig, damit das BAföG passé und der interessante Nebenjob mutierte plötzlich zum notwendigen Lebensunterhalt und damit festen Bestandteil des Studienalltags. Kritische Stimmen ließen natürlich auch nicht lange auf sich warten: „Willst du nicht mal fertig werden?“ oder „Denk doch mal an die Rente!“ Und diese mahnenden Stimmen haben durchaus ihre Berechtigung. Schnell befindet man sich in einer Position, in der man zwar schon arbeitet und Dinge leistet, sich aber irgendwie doch noch „in Ausbildung“ befindet.

Damit steigt jedoch auch die eigene Erwartungshaltung. Eine Situation, die Studierende, welche aus unterschiedlichen Gründen (Notwendigkeit sich selbst zu finanzieren, familiäre Umstände, persönliche Probleme usw.) länger studieren, sicher ebenfalls kennen. Ich kann gut nachvollziehen, wenn sich daraus Studienzweifel oder gar konkrete Abbruchgedanken ergeben.

Bei den Orientierungsgesprächen im Wegbereiter ist es mir daher wichtig zu ergründen, was unsere Ratsuchenden selbst antreibt und motiviert, auf welches Ziel sie hinarbeiten. Damit ist durchaus ein Erkenntnisprozess verbunden, der viele Nachjustierungen und Anpassungen erfordert, durch den man aber auch viel über sich selbst lernt – zum Beispiel auch, und das ist mir besonders wichtig, wie man sich von der Erwartungshaltung anderer emanzipiert.

Mir kommt dabei immer der Lieblingsspruch meiner Oma in den Sinn, welchen ich gerne an Ratsuchende im Wegbereiter weitergebe:

„Des Menschen Wille ist sein Himmelsreich.“ Geht dem nach, was euch bewegt, euch antreibt und schaut dabei weniger auf die Meinungen anderer.

Leider verdingen sich viele Studierende erst sehr lange als EinzelkämpferInnen, bevor sie Unterstützungsangebote wie den Wegbereiter aufsuchen. Dabei ist der Wegbereiter ein extra niedrigschwelliges Angebot für Ratsuchende mit Studienzweifeln oder Abbruchgedanken. Wir unterstützen euch gerne darin, neue Optionen und Perspektiven zu entwickeln! Und Optionen gibt es immer!

Falls ihr euch aber doch einmal in einer gefühlten Sackgasse befinden solltet, möchte ich euch gerne ein paar Hinweise mit auf den Weg geben:

  1. Hört auf euch und eure Interessen. Es zählt was ihr wollt, nicht was ihr sollt.
  2. Bleibt ergebnisoffen! Leider reicht „Wollen“ manchmal nicht – dann ist es Zeit, ehrlich Bilanz zu ziehen und ggf. den Kurs zu wechseln.
  3. Es ist nie zu spät, etwas zu ändern. Wenn ihr dabei selbst nicht weiterkommt, scheut euch nicht, Unterstützungs- und Beratungsangebote anzunehmen.
  4. Am Ende trefft ihr die Entscheidung. Niemand kann euch die Entscheidung abnehmen. Eine Entscheidung selbstbewusst vertreten zu können, wird es euch leichter machen, auch Schwierigkeiten zu meistern, die sich ggf. aus der Entscheidung ergeben bzw. daran anschließen.
  5. Ein Studiengangwechsel ist kein Abbruch und selbst ein Abbruch kein Untergang. Circa ein Drittel der Studierenden bricht sein Studium ab, aber ein Großteil davon verbleibt im Hochschulsystem – wechselt also in ein anderes Studienfach und ggf. auch an eine andere Hochschule. Etwas auszuprobieren und sich dann für etwas Anderes zu entscheiden, ist völlig normal.
  6. Lasst euch nicht verunsichern. Es gibt viele Gründe, warum ein Studium länger dauern kann. Die Regelstudienzeit ist nur ein festgelegter Orientierungswert, der individuelle Herausforderungen nicht berücksichtigt. Nutzt dies jedoch nicht als Ausrede, bleibt immer selbstkritisch und ehrlich mit euch, warum es zu der längeren Studiendauer kommt.
  7. Ein Abitur zu haben, heißt nicht, dass man auch studieren muss. Fragt euch, warum ihr studieren wollt und wo ihr mit dem Studium hinwollt. Muss es eine Universität sein? Kommt auch eine Fachhochschule oder eine Ausbildung infrage? Man kann bspw. auch nach einer Ausbildung noch einmal studieren, auch berufsbegleitend.

Dabei kann vor allem Feedback hilfreich sein und so ist auch unser Angebot im Wegbereiter zu verstehen: Als Angebot, gemeinsam Bilanz zu ziehen und zu schauen, ob der eingeschlagene Weg noch der richtige oder ein Kurswechsel nötig ist.

In diesem Sinne, wünsche ich euch, ganz hanseatisch, bei all euren Unterfangen immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel – und viel Erfolg.

Kommentar verfassen